Zwei Sieger und der unscheinbare Dritte

Was zu Beginn der Poetry Slam Stadtmeisterschaft in der Produktion am Dom so mancher nicht vermutet hätte, trat am Ende ein: Es gibt zwei Sieger, weil sich weder das Publikum, noch der Moderator eindeutig entscheiden mochten. Das salomonische Urteil war wenigstens gerecht, weil es zwei der besten Teilnehmer dieses Dichterwettstreits traf. Bereits am Ende der zweiten Runde wäre es beinahe zum Eklat gekommen, als sich zwar das Publikum sehr einig war, doch der Moderator nicht entscheiden mochte und aus lokalpatriotischen Gründen gerne einen Dritten ins Rennen geschickt hätte. Dabei verblasste dieser Dritte neben den beiden Gewinnern und einem unverdient Unterlegenen blieb die Krone verwehrt — am Ende können eben nicht alle auf dem Siegertreppchen stehen. Auch und gerade dann, wenn sie Heimvorteil haben. Für Dorian Steinhoff, den Trierer, mag es am Ende der zweiten Vorrunde enttäuschend gewesen sein, aber es war vor allem eines: ein peinliches Intermezzo. Man kann den Auftritt von Steinhoff nicht als schlecht bezeichnen, aber eben auch nicht als wirklich überzeugend. Moderator Peter Stablo versuchte also zu retten, was nicht zu retten war und machte damit alles noch schlimmer. Weder der Vorschlag, einfach drei Kandidaten aus der zweiten Vorrunde ins Finale zu schicken, stieß auf einhellige Gegenliebe des per Applaus abstimmenden Publikums, noch die Idee, einen kleinen Zwischen-Schlagabtausch zwischen Steinhoff und Konkurrent Stefan Dörsing (Gießen) abzuhalten. Hätte der Moderator über die EM abzustimmen — Deutschland würde wohl gewinnen („einmalige Chance, den ersten Trierer zu den deutschsprachigen Meisterschaften zu schicken“). Aber sowohl Dörsing als auch „Norweger“ Björn Högsdal (Kiel) waren einfach um Längen besser. Steinhoff war nur später (wegen der Bahn), und so zogen — nach Ansicht der Publikums-Mehrheit — die Besten in die Endrunde ein.

Die erste Runde war dagegen geradezu harmonisch verlaufen. Eindeutiger und verdienter Sieger war der 19-jährige Michael Feindler (Wuppertal), der den erste und damit schwersten Auftritt des Abends zu bewältigen hatte. Doch sein virtuelles Poesie-Duell mit einem virtuellen(?) Dichterkollegen im Burgerking war einfach mitreißend. Poetry Slam im Poetry Slam, das Schiff in der Flasche. Mit ihm konnte sich in der Vorrunde der Luxemburger Francis Kirps durchsetzen. Mit einer zwar vom Blatt gelesenen, aber respektablen Darbietung. Im Finale allerdings ging der Luxemburger mit einer einfach grottenschlechten und nur mäßig lustigen Darbietung unter, die auch sein Heimvorteil (nach dem Ausscheiden von Lokalmatador Steinhoff) nicht wett machen konnte. Tragischer Held des Abends war Stefan Dörsing, der nicht nur tolle Texte bot, sondern auch eine super Performance, um die ihn so manch anderer Teilnehmer, an seine  Manuskriptzettel geklammert, beneidet haben muss. Dörsing hätte es wirklich verdient, als Dritter Sieger aus der Stadtmeisterschaft hervorzugehen, aber so sind nun mal die Regeln. Michael Feindler hätte es im Finale für sich alleine entscheiden können, Erster zu sein. Dazu aber hätte er die Zugabe als Beitrag der Endrunde bringen müssen. Mit seinem eigentlichen Finalbeitrag überzeugte er nicht hundertprozentig, weshalb der kleine Vorsprung, den er eigentlich hatte, von Björn Högsdal locker eingeholt wurde, der mit seiner Darbietung über seinen selbstgefälligen Sohn Torsten („Das mit dem Kind war möglicherweise ein Fehler“) den Schwierigkeitsgrad gegenüber seiner Darbietung über die Norweger („Norweger pflanzen sich nicht fort, sie entstehen, wenn man einen Dänen mit einer Schwedin kreuzt“) in der Vorrunde noch einmal bravourös steigerte.

Feindler und Högsdal erhielten am Schluss also beide gemeinsam den Karl Marx Poesie-Preis. Zudem dürfen sie Trier bei den Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam in Zürich vertreten — das hätten sie auch gedurft, wenn einer „nur“ zweiter geworden wäre. Aber so ist es noch schöner.